viertes Kapitel

Das Dorf der Walder

Lange hatten sie noch im Schloss gesessen, an einer ellenlangen Tafel voller Menschen, Menschen, die man in einem Schloss nie vermutet hätte. Keiner von ihnen war prachtvoll gekleidet, keiner benahm sich wirklich königlich – Ja, selbst der König tat es nicht. Keiner von ihnen wollte jemals wieder der Selbstsucht ausgeliefert sein. Jeder von ihnen spürte, dass ein Gemeinsam so viel stärker und bunter ist, als ein einzelner es zu sein vermag.

Vielleicht waren Lille und Jeppe etwas zu lange dort geblieben, denn dass sie gerade am Anfang ihrer Reise standen, war wohl beiden Kindern klar. Und gerade jetzt musste dies auch Lille eingefallen sein, denn sie sprang auf, zog Jeppe zu sich: „Der grüne Punkt am Stadttor“ purzelte es aus ihrem Mund, doch Jeppe verstand sie nicht. „Unser Freund wartet am Stadttor auf uns, ich habe ihn gesehen, wir müssen weiter!“ und das hatte jetzt auch Jeppe verstanden.

Schnell suchten die zwei Kinder ihre warmen Kleider zusammen, schließlich lag draußen immer noch der Schnee und obendrein musste es schon lange Nacht sein. Sie verabschiedeten sich vom König und seiner Tochter und im nu waren sie die langen Treppen hinunter gerannt. Über den Marktplatz und durch die kleinen Gassen, die wenigen Laternen reichten aus um die verschneite Stadt zu erleuchten, alles funkelte regelrecht  im hellen weiß des alles überdeckenden Schnees. Gerade sahen sie das große Tor, als Jeppe ziemlich erstaunt anhielt. Draußen vor dem Tor schien es nicht mehr Winter zu sein, er konnte sehen wie der Schnee schmolz, genau vor dem Tor, er machte Platz für so viele Farben. Jeppe sah das Rot von dem Laub welches den Boden bedeckte, er sah das Gelb und Grün und auch das Braun der Bäume. Kein Weiß, kein Grau, kein klirren der Luft vor Kälte und vor allem war es dort weder Nacht noch schien es wenigstens zu dämmern. Es war hell. Mitten am Tag-Hell. Jetzt hatte auch Lille entdeckt, was Jeppe  schon vor Sekunden wahrgenommen hatte. Lille griff nach Jeppes Hand. Oh was hatte sie es immer scheußlich gefunden, wenn sie einen Jungen an die Hand nehmen musste, aber hier war es was anderes. Jeppe war anders. Sie waren gemeinsam hier, hier in der merkwürdigen Welt, in der nichts zu gelten schien, was ihr bekannt war. In der es außerhalb von Stadtmauern andere Zeiten zugeben schien.

Die zwei Kinder standen noch einen kurzen Augenblick. Warum? Das wussten sie vielleicht selbst nicht. Bis etwas kleines grünes sie aus der Starre befreite. Sie mussten weiter, sie mussten Jeppes Opa finden! Der kleine grüne Wurm wartete auf die zwei Kinder. Er winkte den beiden zu, so als ob er sagen wollte beeilt euch doch und das taten sie auch. Durch das Tor hinaus ging es für das sehr ungewöhnliche Trio weiter auf die große Wiese, diese die vor gar nicht allzu langer Zeit noch drohte vom Schnee verschluckt zu werden. Das Lullium schien jedoch keine Zeit für weitere Verzögerungen zu haben, denn ungeduldig zupfte er an Lilles Rock und zeigte auf einen Weg. Der Weg führte in einem großen Bogen um die Stadtmauern , um dann dahinter zu verschwinden, sodass Lille nicht sofort sehen konnten wohin ihr Weg sie nun führen würde. Jedoch ohne Frage, in diese Richtung würden sie wohl weiter gehen. Lille griff in ihre Tasche, dort lagen die Buchseiten eingerollt und sicher. Sie schaute Jeppe an und als wäre es unhöflich zu sprechen, wenn einer von ihnen genau das nicht konnte, nickten sie sich nur zu und gingen los.

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